Verachtung, Wut und Ekel. Eine Antwort auf: Frederic Schwilden: Ina Müller gibt in der Wuhlheide den Mario Barth, Berliner Morgenpost vom 28.07.2013 (http://www.morgenpost.de/kultur/berlin-kultur/article118454397/Ina-Mueller-gibt-in-der-Wuhlheide-den-Mario-Barth.html)

 

Es heißt ja, man solle sich mit bestimmten Personen gar nicht erst auseinandersetzen, weil sie einen erst auf ihr Niveau herunterzögen, um einen anschließend mit ihrer Erfahrung zu schlagen. Es heißt ja auch, dass man Wichtigtuer durch konsequentes Ignorieren am härtesten bestraft. Vielleicht fährt man mit der Beachtung dieser Grundsätze in der Regel sogar ganz gut. Es gibt aber Verhaltensweisen, Handlungen, die derartig abscheulich, erbärmlich und verachtenswert sind, dass man dazu Stellung beziehen MUSS. Um einen solchen Fall geht es hier.

 

Frederic Schwilden, tätig als Irgendwas (die Bezeichnung „Journalist“ kann man in diesem Zusammenhang aus den im Folgenden darzulegenden Gründen leider nicht ernsthaft verwenden ) u.a. bei der „Berliner Morgenpost“ hat in selbiger einen Beitrag verfasst1, der sich als Konzertkritik in Form eines Verrisses tarnt. Thema: Ina Müllers Konzert in der Berliner Wuhlheide am 27.07.2013.

 

Nun kann jeder, auch jeder Kritiker, jedes Konzert affengeil oder richtig beschissen finden, und das auch in seiner Kritik zum Ausdruck bringen. Schwilden aber tut hier etwas anderes: Er verreißt nicht nur. Seinem Text merkt man nicht nur an, dass er von vorne herein entschlossen war, Ina Müller zu hassen – was schon peinlich, klein, armselig und pubertär wäre, aber ja gelegentlich vorkommt bei Zeitungskritiken und unterschiedliche Gründe haben kann: „…dieser Zeitungsredakteur, der selber gern Musiker wär / hatte früher mal ’ne Band, die außer ihm sonst niemand kennt…“ singt Johannes Oerding treffend über derartige Phänomene.

 

Schwildens Text hat leider eine ganz andere Qualität. Er ist höhnisch, sadistisch, würdelos, erbärmlich in seiner betonten Herablassung. Er pöbelt, er verachtet, er beleidigt in strafrechtlich relevanter Weise, er schlägt gezielt und mit offensichtlicher Freude immer wieder unter die Gürtellinie. Er enthält Anschuldigungen übelster Art, die Anlass entweder für eine strafrechtliche Verurteilung wegen Beleidigung bieten oder für eine Einweisung – das müsste dann abschließend ein Gutachter entscheiden.

Zum Mopo-Beitrag. Schwilden beginnt mit der herablassenden Beschreibung des ‚Frauentyps‘, dem er Ina Müller offenbar zuordnet. Er mokiert sich über ihre Sprache, den Umstand, dass sie Bier trinkt. „Vielleicht wollen das einige“, schreibt Schwilden über ’solche‘ Frauen. Ja, Herr Schwilden. Einige wollen das. Es gibt Frauen, die Bier trinken. Und eigentlich würde daran auch nicht einmal mehr Emily Gilmore Anstoß nehmen. Aber vielleicht ist eine solche Judi-Dench-Attitude ja unter (vermutlich ödipuskomplexbehafteten, heimlich von Iris Berben fantasierenden) wahnsinnig individuellen, freigeistigen, grundsätzlich alles medial Populäre hassenden Pseudohipstern gerade in – wer weiß das schon.

 

Anschließend behauptet Schwilden, Ina Müller würde „einen Abend fast drei Stunden lang nur mit Witzen über Frauen, Schuhe, Sex im Alter, Pupsen im Porsche, wieder Frauen, nochmal Schuhe, und zum dritten Mal Schokolade und so weiter“ füllen. Das ist eine Lüge. Ina spielt gut zwei Stunden (ihr Support, Baskery, eine aus drei schwedischen Schwestern bestehende Singer-Songwriter-Band, die sich genremäßig irgendwo zwischen Rock, Country und Folk bewegt, und so ungefähr alle Instrumente spielen kann – von Schwilden offenbar nicht mal für erwähnenswert gehalten – gute 30 Minuten). Sie spielt in diesen gut zwei Stunden zwölf Songs, hinzu kommen ein Medley der Lieblingssongs der Bandmitglieder und die Zugabe – ebenfalls nochmal zwei, manchmal drei Songs (in Berlin waren es zwei). Ja, Ina macht zwischendurch Witze. Das gehört zu ihr, ist Teil des Programms. All die Themen, die Schwilden nennt, kamen vor. In jeweils ein bis vier Sätzen. Ein Abend, bestehend nur aus Witzen? Wohl kaum. Aber klar, hat man erstmal eine so wahnsinnig hippe, nonkonformistische Überschrift gefunden wie „Ina Müller gibt in der Wuhlheide den Mario Barth“, dann muss man eben versuchen, alles, was man schreibt, mit Gewalt unter dieses Motto zu pressen. Das tut Schwilden dann auch gleich zwei Sätze später mit der Bemerkung, Ina gebe hier kein Konzert, „sie gibt den Mario Barth“. Zunächst aber beschimpft er Ina als „nordische Walküre“ – dass er diese Bezeichnung im selben Satz gebraucht, in dem er auch erwähnt, dass sie Grimme-Preisträgerin ist, ist sicher Zufall. Komisch, dass man trotzdem wieder an den oben zitierten Oerding-Text denken muss.

 

Es folgen einige, offenkundig bewusst willkürlich, beliebig und mit Verachtung zusammengeschmissene Zitate aus den Anekdoten, die Ina zwischen den Songs erzählt – vielleicht ist es das, was Schwilden sich gerade so merken konnte (vielleicht auch das, was der 16jährige Praktikant, den die Mopo statt seiner zum Konzert geschickt hat, sich zusammengekrickelt hat. Dass Schwilden überhaupt selbst da war, erscheint nämlich zweifelhaft, trug Ina doch, anders als er an späterer Stelle schreibt, weder eine Strickjacke, noch hatte sie Locken); vielleicht dient auch dieser Absatz allein der Verfestigung der aus der Luft gegriffenen These, Ina würde hier niveaulose Comedy machen, vielleicht geht es Schwilden auch nur darum, die Backgroundvocals in Erikativen beschreiben zu können: „…für jedes Ah der Backgroundsängerinnen, für jedes Bumm-Tschack des Schlagzeugers…“. „Hihi, Haha“. Weil’s so schön arrogant ist. Weil man sich damit so schön überlegen fühlen kann. In dieser widerwärtig-selbstgefälligen Pose vergisst es sich ja auch so leicht, dass der gesamte Text vor Druckfehlern strotzt, die Zitate teils falsch und die Berufsbezeichnungen unzutreffend oder ungenau sind (schon peinlich, wenn ein Musikjournalist immer nur von „Bühnenarbeitern“ spricht und nicht in der Lage ist, einen Backliner auch als solchen zu benennen), das Foto ein Jahre altes Archivbild und die jetzt bei Schwilden folgende Beschreibung von Inas Karriere bei wohlwollender Auslegung unvollständig, bei weniger wohlwollender in etlichen Punkten schlicht falsch ist. Und dass der Autor anscheinend googlen musste, dass Cuxhaven in Niedersachsen liegt. Aber außer Berlin-Mitte muss man ja auch nichts kennen.

 

Richtig schlimm wird es aber erst jetzt. „In Grundzügen“, lässt sich Schwilden nun in gönnerhafter Manier zu schreiben herab, könne man ja „durchaus Verständnis für Ina Müllers Programm aufbringen“ – nur um es anschließend wieder ins Lächerliche zu ziehen, dass Ina über Themen singt, die die Menschen bewegen und dass sie es wagt, dies auch mal humorvolle Art und Weise zu tun. Diesen Humor muss man natürlich erstmal verstehen. Dazu würde es helfen, zuzuhören. Als Beispiel: In „Zalando“ singt Ina natürlich nicht von „Robin“, sondern von „Robbie“ – gemeint ist übrigens, lieber Herr Schwilden, Robbie Williams, das ist, wie Sie und Judi Dench es wohl ausdrücken würden, „irgendein Unterhaltungskünstler“. Ina singt in „Dumm kickt gut“ über Männerbilder, Männerklischees, Männerstereotype; sie macht sich darüber in charmant-ironischer Art und Weise lustig, wenn sie fragt, ob die „einfachen Männer“, „etwas unterbelichtet, aber cool und so nett, die nicht ganz so helle sind, aber echt gut im Bett“ wirklich alle Fußball spielten. Ina beschreibt in „Auf halber Strecke“ Gefühle der Unsicherheit, der Frage nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ‚Altersgruppe‘. Ja, sie tut auch das mit Augenzwinkern. Stellenweise. An anderer Stelle ist der gleiche Song wiederum wunderbar poetisch und unverschämt ehrlich. Und ja, sie trifft damit bei vielen Menschen einen Nerv. Für Schwilden zeichnet sie, indem sie Tausende bewegt, „ein schockierend einfältiges Bild des zwischenmenschlichen Zusammenlebens“.

 

Es wäre nun, nach diesem Satz, der offenkundig nur dazu dient, gezielt unter die Gürtellinie zu schlagen, einfach, Schwilden als Soziopathen abzustempeln, als Misantropen, als Nerd, der noch nie in den Arm genommen wurde und wahrscheinlich mit 30 noch bei seiner Mutter wohnt. Aber leider kommt es noch schlimmer. Schwilden lügt weiter, behauptet, Ina würde gezielt das Publikum beschimpfen. Hier drängt sich die Frage auf, ob er den zum Testen der Intelligenz von Primaten entwickelten sogenannten „Spiegeltest“ bestehen würde.

 

Die Antwort ist ganz offensichtlich „nein“ – das wird wenige Sätze später deutlich. Denn hier vergleicht Schwilden Ina Müller mit Klaus Kinski: „Zwischen ihren Locken, dem Strahlegrinsen und der Bierlaune versteckt sie an Kinski erinnernde Publikumsbeschimpfungen“, das schreibt dieser Mann allen Ernstes. Man liest diesen Satz immer wieder, fassungslos, und fragt sich, ob der Mann, der ihn geschrieben hat, bloß bösartig, sadistisch und soziopathisch ist oder ernsthaft psychisch krank. Oder beides. Wie Kinski.

 

An dieser Stelle ist übrigens der strafrechtlich relevante Bereich erreicht und der Tatbestand der Beleidigung (§ 185 StGB) erfüllt.

 

Da verwundert es dann auch nicht mehr, dass Schwilden es sich nicht verkneifen kann, Ina nochmal eins reinzuwürgen, indem er ihren Gesang als „Heulen“ bezeichnet – und leider verwundert es auch nicht, dass er auch diese Spitze in einen sehr kinskiesken – oder auch schwildenesken, weil mal wieder strotzend vor an Erbärmlichkeit nicht zu überbietender Herablassung – Satz einbaut: „Es ist unheimlich und doch noch eineinhalb Stunden bis zur Geisterstunde“. Ein erwachsener Mann, der das Wort „Geisterstunde“ benutzt. Langsam ruft der Schwilden-Text beim Leser nicht nur Verachtung, Wut und Ekel hervor, sondern schiere Angst. „Am Himmel tobt das Wetterleuchten“, schreibt dieser offensichtlich halluzinierende Mensch abschließend, bevor er zu der bei 36 Grad Celsius wahrlich schockierenden Feststellung gelangt: „Die Hauptstadt sehnt sich nach Abkühlung“. Ich sehne mich nach der Lektüre von Schwildens Text nach einer Dusche.